Dialogrunde Brustkrebs am 29. März 2017 in Berlin

Eine Veranstaltung von Pfizer und Brustkrebs Deutschland e.V. in Kooperation mit Mamma Mia! – Das Brustkrebsmagazin und der Ärzte Zeitung

Metastasierter Brustkrebs: Die Versorgung hat Schwächen

Die Diagnose metastasierter Brustkrebs ist für Patientinnen ein hartes Schicksal. Experten fordern mehr Engagement für ihre Versorgung.

Aus der Ärzte Zeitung von Anno Fricke, 3. April 2017

v.l.n.r. Dr. Maike Reher, DAK-Gesundheit, Kordula Schulz-Asche, MdB (Bündnis 90/Die Grünen), Carl Janssen, Leiter Pfizer Oncology Deutschland, Prof. Dr. Sara Brucker, Ärztliche Direktorin am Forschungsinstitut für Frauengesundheit der Universitäts-Frauenklinik Tübingen, Karin Maag, MdB (CDU), Wolfgang van den Bergh, Chefredakteur Ärzte Zeitung, Renate Haidinger, 1. Vorsitzende Brustkrebs Deutschland e.V., Eva-Schumacher-Wulf, Herausgeberin von „Mamma Mia!“, Prof. Dr. Nadia Harbeck, Leiterin des Brustzentrums der Universität München, Christoph J. Rupprecht, AOK Rheinland/Hamburg – Die Gesundheitskasse

Trotz eines dichten Netzes an zertifizierten Brustzentren in Deutschland gibt es Lücken in der Versorgung von Patientinnen mit Brustkrebs. Darauf haben Ärzte, Vertreter der Selbsthilfe und der Kassen sowie Politiker in der "Dialogrunde Brustkrebs", einer Veranstaltung von Brustkrebs Deutschland e.V., dem Magazin "Mamma Mia", dem Arzneimittelhersteller Pfizer und der "Ärzte Zeitung" in Berlin hingewiesen.

Frauen mit metastasiertem Brustkrebs können nach Ansicht von Fachleuten die Strukturen der von der Deutschen Krebsgesellschaft und der Gesellschaft für Senologie zertifizierten Brustzentren bislang nicht ausreichend nutzen. "Die Versorgung ist für die Versorgung früher Stadien des Brustkrebs optimiert", sagte Professorin Nadia Harbeck, Leiterin des Brustzentrums in München.

Vorteil der Zentren ist eine interdisziplinäre, strukturierte Versorgung in erreichbarer Nähe. Eine Untersuchung der Universität Bremen hat ergeben, dass keine Frau in Deutschland weiter als 80 Kilometer vom nächsten zertifizierten Brustkrebszentrum entfernt lebt. Weil die Abstimmung zwischen den Zentren und niedergelassenen Onkologen bei der Betreuung von Patientinnen mit metastasiertem Brustkrebs oft fehle, blieben Behandlungschancen aber ungenutzt, so Harbeck. Dazu gehöre die Anwendung noch nicht zugelassener Medikamente im Rahmen von Studien.

Ein Manko ist die psychoonkologische Betreuung in der Fläche. Tatsächlich müssten Patientinnen in der ambulanten Versorgung bis zu einem Jahr auf Termine warten, klagte Professorin Sara Brucker, Ärztliche Direktorin des Forschungsinstituts für Frauengesundheit in Tübingen.

Lutz Stroppe, Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit

Die psychoonkologische Versorgung, ein eigenständiger Teil des Nationalen Krebsplans, sei ein blinder Fleck der Versorgung, bestätigte Gesundheitsstaatssekretär Lutz Stroppe. Die Bundesregierung habe daher eine Bestandsaufnahme und Analyse in Auftrag gegeben. Ergebnisse kündigte Stroppe für den Herbst 2018 an.

Betroffen sind die 42 000 Patientinnen mit metastasiertem Brustkrebs, die nach Berechnungen des Robert Koch-Instituts aktuell in Deutschland leben. Bei jeder dritten Brustkrebspatientin ist die Krankheitsgeschichte nach der Heilung nicht zu Ende. Jahre später noch können sich Metastasen in den Lymphknoten, den Knochen, in der Lunge, der Haut, der Leber und im Gehirn bilden. Die Krankheit ist selten heilbar. Dennoch bestehe für Fatalismus kein Anlass, betonten die Fachleute bei der Dialogrunde. "Wir reden nicht über Wochen oder Monate, sondern über drei, sieben oder acht Jahre Überleben", sagte Carl Janssen, Leiter Pfizer Oncology Deutschland. Es lohne sich, in die Infrastruktur und in Programme zu investieren.

Eine Ausdehnung des strukturierten Behandlungsprogramms (DMP) auf Frauen mit metastasiertem Brustkrebs könne mehr Qualität in die Versorgung bringen, hieß es in der Runde. Es sei richtig, nach 15 Jahren das DMP zu überarbeiten, sagte Christoph Rupprecht von der AOK Rheinland-Hamburg. Das System müsse für alle Patientinnen durchlässiger werden, nicht nur für die in DMP eingeschriebenen, forderte die CDU-Gesundheitspolitikerin Karin Maag.

Renate Haidinger, Gründerin der Organisation Brustkrebs Deutschland, forderte die Kassen auf, den "bürokratischen Dschungel" zu lichten, in den sich die Patientinnen in ihrer extremen Lebenssituation begeben müssten. Antragsprozesse müssten entschlackt, mehr Geld für Hilfen im Alltag bereit gestellt werden. Der Bürokratievorwurf sei "nicht ganz aus der Luft gegriffen", bestätigte Dr. Maike Reher von der DAK. Es wäre von Vorteil für die Versorgung, wenn die Kassen, die darüber gewonnenen Daten besser nutzen dürften.

Die Defizite in der Versorgung von Patientinnen mit metastasiertem Brustkrebs, die bürokratischen Zumutungen und die Unübersichtlichkeit der Versorgungslandschaft erforderten Lotsen, sagte Eva Schumacher-Wolf, Chefredakteurin des Krebsmagazins "Mamma mia". Diese Wegweiser durchs System müssten von den Kassen finanziert werden. Onkologiepflegekräfte könnten die geforderten Lotsenfunktionen übernehmen, schlug Kordula Schulz-Asche von den Grünen vor.